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Leitung, brauchen wir das?

»Nein, das brauchen wir wirklich nicht«, ist die Antwort die in manchen Diskussion über Emerging Church vertreten wird. Manche gehen davon aus, dass es keiner Leitung mehr bedarf und lehnen jede Art von Autorität ab. Andere folgern aus der Emergenztheorie, dass es keine Notwendigkeit von Leitung mehr gibt, da es sich bei der Gemeinde um ein sich selbst organisierendes System handelt.

Um Gemeinde leben zu können müssen wir einen Weg zwischen den angesprochenen Polen finden.

Anarchie oder Diktatur, es scheint als könne nur zwischen diesen beiden Formen entschieden werden. So ist den Einen jede Art von Leitung zuwider, den Anderen dagegen jede Frage im Bezug auf Leiterschaft zu viel. Gerade im Nachdenken über Gemeinde müssen wir uns Fragen zur Leitung und zur Struktur der Gemeinde stellen. Und um Gemeinde leben zu können müssen wir einen Weg zwischen den angesprochenen Polen finden.

Wenn eine Menschengruppe eine Weggabelung erreicht, muss eine Entscheidung getroffen werden, vor allem dann, wenn der Wunsch da ist auch nach der Weggabelung noch gemeinsam weiterzugehen.

Wie kann Leitung dann aussehen?
Auch nach Weggabelungen im Gemeindealltag wollen wir weiterhin als Gemeinschaft unterwegs sein, und deswegen fragen wir uns, wie Leitung aussehen kann. Wie werden Entscheidungen in unserer Gemeinde getroffen?

Schauen wir uns in Gemeinden unserer Zeit um, oder blicken zurück in die Kirchengeschichte, scheint eine Leitungshierarchie die Antwort auf unserer Frage zu sein. Zu hierarchischen Leitungsstrukturen gehören verschiedene Ebenen. Auf einer Ebene treffen Wenige die Entscheidungen für die Gemeinde, während auf der anderen Ebene Menschen sind, die mit den Entscheidungen leben sollten oder sie konkret umsetzen werden.

Bei Leitung geht es infolgedessen nicht darum von einer höheren Ebene aus zu entscheiden und Einfluss auszuüben, sondern zunächst einmal darum, gemeinsam zu leben.

Jesus hat bereits seine Jünger darauf aufmerksam gemacht, dass diejenigen, die Länder regieren solche hierarchischen Strukturen wählen und zur Not ihre Entscheidungen mit Hilfe von Druck durchsetzen. Die Vorstellungen, die Jesus von Leitung hat, sehen jedoch ganz anders aus. Sein Leben war geprägt davon, dass er die Menschen in seiner Umgebung ernst nahm und bereit war, ihnen in jeder Lebenslage zu dienen. So entschloss er sich, bei seinem letzten Essen mit seinen Jüngern, jedem einzelnen die Füße zu waschen. Nicht alle wollten das mit sich machen lassen, da es manchen komisch vorkam, von ihm, ihrem Lehrer und Meister, die Füße gewaschen zu bekommen.

Seine Haltung, unterstrich Jesus damit, dass er seine Nachfolger dazu herausforderte, zu dienen und anderen Menschen mit Achtung zu begegnen. Bei Leitung geht es infolgedessen nicht darum von einer höheren Ebene aus zu entscheiden und Einfluss auszuüben, sondern zunächst einmal darum, gemeinsam zu leben. Wie Leitung sich in einem solchen Miteinander ereignen kann, soll an den Adjektiven sichtbar, ermöglichend und moderierend deutlich werden.

sichtbar
Aus den grundlegenden Gedanken des letzten Abschnittes, könnte geschlossen werden, dass durch die Abwesenheit von verschiedenen Ebenen gar nicht mehr zu erkennen ist, wer leitet.

Eine Folge dessen könnte sein, dass immer gerade diejenigen eine Entscheidung treffen, die sich am Lautesten zu Wort melden. Sie würden in unserem Beispiel darüber entscheiden, welchem Weg an der Gabelung gefolgt werden soll. Ob es sich dabei um Entscheidungen handelt, die aus dem Bewusstsein getroffen werden, das Beste für die Gemeinde zu wollen, ist zu bezweifeln.

Es ist wichtig, dass diejenigen, die Leitung ausüben bekannt sind.

Um bei einem Prozess der gemeinsamen Entscheidungsfindung so viel Transparenz wie möglich zu bewahren und der Gemeinde als Ganzer eine gute Richtung zu geben, ist es wichtig, dass diejenigen die Leitung ausüben bekannt sind. Das Vertrauen in den Weg, auf dem sich die Gemeinde befindet wird dadurch ebenfalls gestärkt. Gleichzeitig trägt es dazu bei, dass Leitung nicht missbraucht wird. In dem Beispiel der Weggabelung bewahrt es auch davor je nach Stimmung und Lautstärke Einzelner ständig Ehrenrunden zu drehen, weil Entscheidungen klar getroffen und nicht sofort wieder revidiert werden.

Ist es trotz einer definierten Leitung möglich, dass keine Hierarchie entsteht, in der Ideen von oben auf die Gemeinschaft übertragen werden?

ermöglichend
Den Gedanken Jesu von dienender Leitung greift Paulus auf und führt ihn fort, indem er von Leitung spricht, die ermöglicht. Dies könnte ein weg sein, ohne Hierarchie zu leiten.

Ermöglichende Leiter schaffen Raum, in dem sich das Leben der Gemeinde ereignen kann.

Ermöglichende Leiter zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht alles selbst machen wollen und genau wissen, wie die Ziele der Gemeinde erreicht werden. Sie schaffen Raum, in dem sich das Leben der Gemeinde ereignen kann. Sie helfen den Menschen in ihrer Gemeinschaft dabei ihr eigenes Potential auszuschöpfen und ihre Fähigkeiten auszubauen. Dazu geben sie Hilfestellung, schaffen Erprobungsfelder, stellen Verbindungen her und ab und zu stoßen sie Prozesse an, indem sie herausfordern. Eine Sache, die sie schnell lernen müssen, ist loszulassen. Genaue Vorstellungen von Ergebnissen und konkrete Umsetzung von gemeinsam erarbeiteten Zielen werden durch die Beteiligung von verschiedenen Menschen des Öfteren anders als zuvor gedacht ausfallen. Deswegen lernen sie immer mehr den Umsetzenden Freiheit zu geben. Ihre Äußerungen werden mehr aus Fragen als Aussagesätzen bestehen.

moderierend
Ein zentrales Element von Gemeinschaft ist Kommunikation. Da Kommunikation sowohl Zuhören als auch Reden beinhaltet, hat Leitung, genauso wie jeder Einzelne der Gemeinschaft, die Aufgabe beides zu praktizieren. In Kommunikationsprozessen wird die Hauptaufgabe der Leitung sein zu moderieren.

Die Leiter sind keine Instanz außerhalb der Gemeinschaft. Und so werden Entscheidungen und Kommunikation stark von Feedback und Beteiligung aller abhängig sein. Eine Entwicklung zu offener und ehrlicher Kommunikation, die es ermöglicht gemeinsam den richtigen Weg zu finden und diesen auch zu gehen, steht an.

Eine Hauptaufgabe von Leitung wird es sein zu moderieren.

Es werden Möglichkeiten geschaffen sich auszutauschen, dieser Austausch wird moderiert und es werden gemeinsam Wege gefunden und diskutiert. Wenn sich die Gemeinschaft dann in eine Richtung bewegt wird es weiterhin nötig sein, Raum für Feedback zu geben und alle Beteiligten dazu zu ermutigen konstruktiv daran teilzunehmen. Bei diesem Punkt wird erneut die Notwendigkeit dessen deutlich, dass klar ist, wer leitet. Solche Prozesse haben sonst das Potential in endlosen Diskussionen und den bereits erwähnten Ehrenrunden zu enden. Dies ist aber genauso wenig Ziel des Prozesses wie eine rigide Leitung, die mehr an Diktatur erinnert als an Mitreisende, die bereit sind zu dienen.

Download
Zur weiteren Beschäftigung mit den Gedanken dieses Artikels kann die Arbeit Leitung in Emerging Church: Grundsätzliche Gedanken im deutschen Kontext. des Autors heruntergeladen werden.

Der Autor
Daniel Ehniss, ist 28, verheiratet und hat einen Sohn. Er wohnt in Karlsruhe und ist Teil von Kubik, studiert und lehrt an der Akademie für Leiterschaft. Um mehr über ihn herauszufinden kannst du sein Blog besuchen.

Mit diesen Fragen kann weitergedacht werden.
- Wie entstehen in meiner Gemeinde Ziele?
- Wie werden diese Ziele umgesetzt?
- Wie viele Menschen sind am Gemeindealltag beteiligt?
- Wie viele Menschen sind an Entscheidungen beteiligt?
- Wie funktioniert Feedback?
- Wer leitet unsere Gemeinde? [nenne Namen]
- Haben diejenigen, die bei uns leiten Sonderstellungen?
- Wie sehen diese Sonderstellungen aus?
- Was bedeutet dienen für mich?
- Wie könnte ein konkretes Beispiel für dienende Leitung bei uns aussehen?
- Werden bei uns Einzelne aus der Gemeinschaft gefördert? Wie? Von wem?

4 Kommentare.
Der Eintrag wurde am Donnerstag, 5. Jan 2006 mit den Tags Emerging Church, Leitung veröffentlicht. Du kannst einen Kommentar hinterlassen, von Deiner Seite einen Trackback setzen und die Unterhaltung mit folgendem RSS 2.0 Feed verfolgen.

  1. Hi Daniel,

    ich bin mir nicht sicher, ob ich Jesus an dem Punkt der Fußwaschung genau so verstehe wie Du. Meinst Du wirklich, dass er an diesem Punkt Hierarchie abschafft? Jesus spricht immer noch davon, dass er der Herr und Meister ist (Joh 13, 13) und die Fußwaschung hat ihren primären Schwerpunkt in der Vergebung, nicht in der Frage der Leitung, meiner Meinung nach. Jesus war relativ klar der Leiter seiner Gemeinschaft, auch wenn ich das anders wünschen würde. Er hat die Ziele gessetzt, rein praktisch. Er hat entschieden, wo die Jünger hingehen sollten, ihnen Anweisungen gegeben (Aussendung der 72, der Esel beim Einzug in Jerusalem, die Speisung der 5000). Der Imperativ kommt bei Jesus öfter vor. In welcher Haltung Jesus leitet ist eine andere Frage, aber er wiederspricht keinem, der ihn mit dem Ehrentitel “Rabbi” anspricht. Natürlich heißt das “Lehrer”, aber die Stellung eines Lehrers ist damals in eine Hierarchische Struktur eingebunden und der Lehrer stand in geistlichen Entscheidungen über dem “Nicht Lehrer”. Paulus ermöglicht schon, aber er setzt auch immer Älteste ein, schreibt in Eph 4 von den unterschiedlichen Diensten und gibt in 1. Kor 5, 1-13 Anwesiungen zum Ausschluss aus der Gemeinde. Klar. Von oben als Leiter) Unterschiedliche Ebenen gibt es in jedem menschlichen Miteinander, schon allein durch Wissens und Erfahrungsvorsprünge und Beauftragungen - die große Frage ist für mich, wie Leitung dahin kommen kann den Gaben der Leute einen Platz zu geben und ein Katalysator zu sein. Dieses ganze “keine Hierarchie Ding” ist an sich ein netter Ansatz, aber die Bibel kennt und gebraucht Hierarchien zur Leitung, im AT wie im NT - (für das NT Apg. 15, Autorität in Lehrfragen, Apg 20, 28 Auftrag auf die Gemeinde zu achten und andere). Das damit viel Missbrauch geschehen ist ist klar und das wir auf der Suche nach der wirklichen Bedeutung von Leitung sein sollten auch. Ich freue mich auf den ausführlichen Artikel, diese Einführung ist ein guter Anstoss, der zum Diskutieren anregt. Vielleicht liege ich auch falsch, würde mich über eine Diskussion freuen!

  2. Hallo Björn,

    danke erst mal für Deinen Kommentar. Freue mich genauso wie du auf/über eine gute Diskussion. Deswegen noch ein paar Gedanken meinerseits zu dem Artikel.

    Am Beispiel der Fußwaschung wollte ich nicht zeigen, dass Jesus Hierarchie abgeschafft hat, vielmehr möchte ich auf sein grundsätzlich anderes Verstädnnis von Leitung hinweisen. So zeichnet sich meiner Ansicht nach die Leitung, die Jesus ausübt stark von seiner dienenden Haltung aus - und diese wird meiner Ansicht an dem Beispiel und der Reaktion des Paulus sehr gut deutlich.

    Den Gedanken, dass Jesus bewusst auch in dem hierarchischen System seiner Zeit gelebt hat, wage ich zu bezweifeln, da ich seine Aussage mit dem Dienen und Erster sein eben so grundsätzlich anders sehe. Durch die Aussagen bezüglich des Weges zwischen beiden Polen wollte ich bewusst die Spannung aufzeigen, in der wir uns befinden. So möchte ich weder für eine hierarchisch verstandene Leitung plädieren, noch für die Abwesenheit jeder Leitung sprechen - ich denke, dass gerade Jesus diesen Weg dazwischen gegangen ist.

    Weiter gehe ich auch davon aus, dass die ersten Christen und somit auch Paulus nicht in der Weise Leitung verstanden, wie wir das heute gerne verstehen. Wo siehst du in 1Kor 5 den klaren Hinweis auf die Leitung? Frage mich das, gerade deswegen, da eine Verantwortung füreinander betont wird.

    Über die weiteren angesprochenen Punkte, die wir gerne als Hinweis auf Hierarchie sehen, möchte ich gerne weiter nachdenken, da es mir an manchen Stellen so vor kommt, als würden wir da etwas hineinlesen…

    Die Arbeit ist jetzt auch online und kann hier heruntergeladen werden.

    Freue mich auf weitere Beiträge.

  3. Hallo Daniel,

    Habe Deinen Artikel noch nicht ganz durch und bin daher vorsichtiger.
    1. Denke ich, dass es richtig ist, dass Jesus eine “dienende Leiterschaft” gelebt hat. Dennoch kommt bei ihm der Imperativ vor und regelmäßig. Und weiter gibt es durchaus GEfühlsausbrüche, die deutlich machen, dass er es nicht gut findet, wenn seine Jünger ihm nicht zuhören (Wie lange muss ich Euch noch ertragen). Das schliesst sich offensichtlich nicht aus.
    2. Die Stelle, die es bei Paulus deutlicher auf den Punkt bringt ist 1. Timotheus 1, 20 (statt 1.Kor 5 - war aus dem Kopf zitiert) Paulus hat selbst Gemeindezucht geübt. Und er war sich einer Hierarchie bewußt, was das Apostelkonzil beweist. Hier hat er noch nicht mal widersprochen, die Apostel waren offensichtlich eine wichtige Instanz in Sachen Lehrfragen - warum ist sonst Matthias nachgewählt worden (Apg. 1, 15ff)
    3. Alle Meinungen lesen in die Bibel etwas hinein, unsere Prägung, unsere Hoffnungen und die Umwelt in der wir leben machen das unvermeidlich. Darum ist diese Diskussion so wichtig. Ich wünsche mir ein neues Leitungsverständnis, sehr sogar. Ich möchte kein “einsamer Wolf-Leiter” sein und ich wünsche mir mehr Partizipation und freigesetzte Menschen. Aber mir springen halt viele Bibelstellen in den Kopf mit denen ich ringe.
    4. Ein Hinweis könnte noch weiter bringen: Eine Definition zwischen den Ebenen - wir stehen schon in der Kommunikation auf unterschiedlichen Ebenen, wenn einer viel Informationen hat und der andere wenig, dann gibt es hier schon Ebenen. Man müsste generell über “Ebenen” nachdenken - vielleicht liegt hier der Knackpunkt.
    Das Thema der diesjährigen Verbundtagung heißt übrigens “Dienende Leiterschaft” - konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Bald mal offline? Liebe Grüße
    Björn

  4. Hi Daniel!

    - Wie entstehen in meiner Gemeinde Ziele?

    Nun, im eigentlichen Sinne entstehen überhaupt keine Ziele. Es werden lediglich die Ziele entdeckt, die Jesus mit der Gemeinde vor hat. (Hilfsmittel Mt.28 oder der Epheserbrief von Paulus)

    - Wie werden diese Ziele umgesetzt?

    Leiter geben im Dialog mit der Gemeinschaft diese Ziele weiter. Wortverkündigung. Man entdeckt die Gaben, dient einander und der Welt.

    - Wie viele Menschen sind am Gemeindealltag beteiligt?

    Oft nur sehr wenige. Aber vielleicht mehr als wir’s wissen.

    - Wie viele Menschen sind an Entscheidungen beteiligt?

    Welche Entscheidungen? Nun, Entscheidungen die die Zielrichtung, die Vision und das Fundament der Gemeinde betreffen, treffen die Ältesten.

    - Wie funktioniert Feedback?

    Per Telefon - eMail, persönliche Gespräche.

    - Wer leitet unsere Gemeinde? [nenne Namen]

    1. Männer. 2. Älteste.

    - Haben diejenigen, die bei uns leiten Sonderstellungen?

    Klaro.

    - Wie sehen diese Sonderstellungen aus?

    Sie sind doppelter Ehre wert - müssen aber Rechenschaft über uns abgeben.

    - Was bedeutet dienen für mich?

    Anpacken. Tun. Mein Bestes geben. Verzichten. Helfen. Mein Gott gegebenes Potential nutzen.

    - Wie könnte ein konkretes Beispiel für dienende Leitung bei uns aussehen?

    Nun ja, Apostelgeschichte 6 ist ein guter Anfang.

    - Werden bei uns Einzelne aus der Gemeinschaft gefördert? Wie? Von wem?

    Mentoring. Coaching. Discipleship. Wie in Epheser vier.

    Danke für die Fragen!

    Ciao
    Danny

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