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Das emergente Potential der Gemeinde entdecken

Sie ist auf dem Weg in die Kirche. Wie jeden Montag. Seit 1982. Es ist ein Ritual. Montag. Friedensgebet. Dennoch ist es nicht wie immer. Etwas verändert sich. Aus einer kleinen Gruppe Kirchgänger wurde zuerst eine vollbesetzte und dann eine übervolle Kirche. Es passiert etwas, was größer ist als sie. Das spürt sie. Aber was das ist, kann sie nicht einordnen.

Sie kommt um zu beten. Für den Frieden. Für das Land. Das ist der Grund. Nicht mehr und nicht weniger. Warum die anderen kommen weiß sie nicht. Heute sind es noch viel mehr als die Wochen zuvor. Um die Kirche herum hat sich die Armee aufgebaut. Bedrohlich sehen die Soldaten aus. Das Szenario erinnert sie an den 40ten Jahrestag der Republik. Sie bekommt Angst. Es ist der 09. Oktober 1989.


In der Kirche ist es zum Ersticken eng. Dennoch nimmt das Gebet seinen gewohnten Lauf. Nach dem Segen des Bischoffs und seinem eindringlichen Aufruf zur Gewaltlosigkeit lässt sie sich von der Menge aus der Kirche ziehen. Als sie durch das Portal nach draußen gespült wird, verschlägt es ihr den Atem. Zehtausende warten auf dem Platz vor der Kirche. Sie halten Kerzen in den Händen. Die Masse setzt sich in Bewegung. Zieht durch die Leipziger Straßen. Vorbei an den Soldaten. Vorbei an ihren Waffen. Diese bleiben stumm. Greifen nicht ein. Sie lächelt. Einer lächelt zurück. Und so geht sie weiter. Geht für den Frieden. Geht für eine bessere Republik, die ein Jahr später Geschichte geworden ist.

Emergenz in komplexen Systemen
Überall wo Menschen miteinander in Interaktion treten und sich vernetzen, haben sie die Möglichkeit ein komplexes System zu bilden.

Von Emergenz spricht man, wenn aus dem Zusammenwirken der Elemente eines komplexen Systems etwas Neues entsteht.

Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge innerhalb des komplexen Systems verlaufen nichtlinear. Unterstützt wird das durch die Netzwerkkommunikation, die zahlreiche Feedback-Möglichkeiten zwischen den Systemelementen bietet. Durch die Auswertung der positiven und negativen Feedback-Beiträge entstehen Lernkreisläufe, die das System ständig weiter entwickeln und anpassungsfähig halten. Dadurch kann es die Fähigkeit zur Selbstorganisation erwerben.

Komplexe Systeme treten in einen Austausch mit ihrer Umwelt. Sie beziehen von ihr Informationen, reagieren darauf und geben die eigenen Ergebnisse weiter, die wiederum von der Umwelt aufgenommen und verwertet werden. An den Grenzen sind komplexe Systeme eher fließend.

Wenn ein System emergent funktioniert, dann hat es nicht nur die Möglichkeit, die vorhandene Struktur zu optimieren, sondern völlig neue Strukturen hervorzubringen.

Auf der Basis dieser Voraussetzungen zeigen komplexe Systeme Emergenz. Von Emergenz spricht man, wenn aus dem Zusammenwirken der Elemente eines komplexen Systems etwas Neues entsteht. Dieses Neue ist nicht aus den Systemteilen an sich erklärbar und somit auch nicht vorhersagbar. Das Phänomen entsteht durch die Selbststeuerung des Systems. Veränderungen werden trotz Kopplung an die Umwelt nicht von dieser initiiert. Emergenz trägt positiv zur Zielerreichung des Systems bei. Sie kann zu höherer Qualität führen oder Systemziele vorteilhaft verändern. Systemintern fördert Emergenz den Vernetzungsgrad und die Kommuniktion der Einzelemente untereinander. Dies hilft innerhalb des Lernkreislaufes durch das zur Verfügung stellen zahlreicher neuer Möglichkeiten die Beobachtung und die Entscheidungsfähigkeit zu effetivieren.
Das alles macht Emergenz zu einem Motor in Veränderungs- und Verbesserungsprozessen. Wenn ein System emergent funktioniert, dann hat es nicht nur die Möglichkeit, die vorhandene Struktur zu optimieren, sondern völlig neue Strukturen hervorzubringen.

Emergenz und Gemeindeentwicklung

Menschen treten miteinender in Interaktion und ohne dass das Phänomen von oben herab gesteuert werden muss, entwickelt es eine positive Dynamik.

Die Nikolaikirche hat es vorgemacht, was passieren kann, wenn eine Gemeinde Emergenz Raum gibt. Die Bewegung von Leipzig zeigt alle Anzeichen eines komplexen Systems. Menschen treten miteinender in Interaktion und ohne dass das Phänomen von oben herab gesteuert werden muss, entwickelt es eine positive Dynamik. Zentrale Figuren bieten dieser Entwicklung lediglich Raum, geben positives Feedback und verhindern zerstörerische Tendenzen durch Aufrufe zur Gewaltlosigkeit. Das alles zusammen bietet den Boden für das Phänomen der Emergenz. Da wo sich zuerst wenige zum beten trafen, konnte die Wiege der Wiedervereinigung stehen.
Das ist sicher das ganz große Bild, was Ermergenz bewirken kann. Dennoch kann sie auch im Kleinen helfen, Ortsgemeinden zu entwickeln und zu reformieren.

Die Gemeinde als komplexes System entdecken

Die Gemeinde als komplexes System zu entdecken, erfordert ein Denken, das die Interaktion zwischen Menschen als Ressource für Entwicklung begreift und fördert.

Gemeinden haben aus dem systemtheoretischen Blickwinkel die Möglichkeit, komplexe Systeme zu bilden. Menschen treten durch offizielle und inoffizielle Strukturen miteinander in Interaktion, dabei entsteht Dynamik, die ihrerseits Potential für Veränderungsprozesse innerhalb und außerhalb der Organisation freisetzt. Um dieses Potential für sich nutzen zu können fehlen vielen Gemeinden allerdings die notwendigen strukturellen Voraussetzungen. Zusätzlich herrscht oft das Paradigma vor, dass effektive Veränderungsprozesse nur zentralistisch – d.h. durch die Leitung - initiiert und durchgeführt werden können.

Die Gemeinde als komplexes System zu entdecken, erfordert ein Denken, das die Interaktion zwischen Menschen als Ressource für Entwicklung begreift und fördert. Dieses Umdenken hat weit reichende Folgen auf den gesamten Organisationsaufbau und die Leitungsphilosophie. Es verändert den Charakter von Veranstaltungen genauso wie die Wertigkeit von Beziehungen.

Kommunikation bekommt einen völlig neuen Stellenwert. Es muss nach Möglichkeiten gesucht werden, Feedback zu geben, zu werten und die Ergebnisse der Wertung denen wieder zur Verfügung zu stellen, die sie für Weiterentwicklungsprozesse brauchen.

Eine Gemeinde tritt mit ihrer Umwelt in den Dialog, da sie sich bewusst ist, dass sie auf ihre Umwelt angewiesen ist.

Als komplexes System tritt eine Gemeinde auch in den Dialog mit ihrer Umwelt. Diese Beziehung ist von dem Bewusstsein geprägt, dass die Gemeinde die Umwelt braucht, um zu existieren. Die Gemeinde lernt von ihrer Umwelt und die Umwelt lernt von der Gemeinde. An den Rändern der Gemeinde verschwimmen die institutionellen und personellen Grenzen zwischen Gemeinde- und Umweltaktivitäten.

Flexible Strukturen, die ein ständiges Lernen der Gemeinde auf allen Ebenen ermöglichen, sind nur mit dezentralen Leitungsmodellen zu realisieren.

Flexible Strukturen, die ein ständiges Lernen der Gemeinde auf allen Ebenen ermöglichen, sind nur mit dezentralen Leitungsmodellen zu realisieren. Entscheidungsbefugnisse müssen so vergeben werden, dass die Veränderungsprozesse nicht hindern sondern fördern. Leiter sind herausgefordert, ein Umfeld zu schaffen, in dem Entwicklung passiert. Kernkompetenz ist nicht mehr das Formulieren und Mitteilen von Veränderungen, sondern ein Gesamtüberblick über laufende Prozesse und die Verknüpfung von Elementen, die die Entwicklung positiv beeinflussen. Leitung erhält so eine mehr moderierende Funktion.

Ein solches systemisches Gemeindeverständnis nimmt den Einzelnen mit allem, was er einzubringen hat, ernst und stellt in zugleich in Beziehung mit dem Potential anderer. So ermöglicht es, den Grundsatz der Priesterschaft aller Gläubigen organisatorisch zu verwirklichen. Alle Gaben, die Gott seiner Gemeinde gegeben hat, tragen dazu bei, dass der gesamte Leib sich selbst auferbaut.

Wenn eine Gemeinde auf diese Weise umdenkt und die nötigen strukturellen Konsequenzen zieht, wird sie emergent.

Folgen von Emergenz in der Gemeinde

Die Emergenz hilft der Gemeinde, ihre reformatorische Kraft neu freizusetzen.

Die Emergenz hilft der Gemeinde, ihre reformatorische Kraft neu freizusetzen. Sie sorgt systemintern für eine beständige Verbesserung und trägt das Potential in sich, völlig neue Gemeindeformen hervorzubringen. Strukturen, die sich auf diese Weise durch die Gemeinde entwickeln, können auch für die Umwelt wertvolle Impulse bedeuten. Da wo Gemeinde heute noch in der Gefahr steht, lediglich die Trends der Umgebung aufzugreifen und zu kopieren, kann sie in die Position kommen Trends zu kreieren und zu setzen.

Emergenz und das souveräne Handeln Gottes
Sicher kann man all die Entwicklungen von Leipzig auch allein dem souveränen Handeln Gottes zuschreiben. Im Vorfeld hat keiner der Beteiligten systemtheoretische Überlegungen angestellt oder sich über emergente Phänomene Gedanken gemacht. Aber muss das Eine immer das Andere ausschließen?

Der systemische Ansatz und die daraus entstehende Emergenz ist eine Möglichkeit, Gott eine Landebahn in dieser Welt zu bauen.

Die Kirche in Deutschland und in Europa steht vor den Herausforderungen einer sich neu formierenden Gesellschaft. Es ist nicht abzusehen, wohin der Strom der Zeitgeschichte führt. Schon jetzt hat die Gemeinde ihren Einfluss auf laufende Gesellschaftsprozesse weitgehend eingebüßt. Bestehende Organisationsformen haben oft nicht das gehalten, was man sich von ihnen versprochen hat.

Als Leib Christi sind wir herausgefordert, die besten Rahmenbedingungen für Gottes Impulse zu schaffen. Über sein Handeln können wir nicht verfügen, aber wir können Strukturen schaffen, die es ermöglichen, seine Impulse aufzunehmen und gemeinsam umzusetzen. Der systemische Ansatz und die daraus entstehende Emergenz ist eine Möglichkeit, Gott eine Landebahn in dieser Welt zu bauen.

Die Autorin
Dagmar Begemann, ist 32 und verheiratet. Sie wohnt bei Lemgo auf einem Bauernhof und ist dort Teil einer Lebensgemeinschaft. Sie studiert an der Akademie für Leiterschaft und setzt sich aktiv für die Entwicklung neuer Gemeinden ein. Um mehr über sie herauszufinden kannst du ihr Blog besuchen.

Tipps zum Weiterlesen
Brewin, Kester. Der Jesus-Faktor: Eine leidenschaftliche Theologie der Veränderung. Glashütten/Emmelsbühl: C&P, 2005.
Johnson, Steven. Emergence: The Connected Lives of Ants, Brains, Cities and Software. London: Penguin, 2001.
Vester, Frederic. Die Kunst vernetzt zu denken. Ideen und Werkzeuge für einen neuen Umgang mit Komplexität. Der neue Bericht an den Club of Rome. München: Dtv, 2002.

6 Kommentare.
Der Eintrag wurde am Freitag, 10. Mrz 2006 mit den Tags Emerging Church, Leitung veröffentlicht. Du kannst einen Kommentar hinterlassen, von Deiner Seite einen Trackback setzen und die Unterhaltung mit folgendem RSS 2.0 Feed verfolgen.

  1. Marcus Splitt

    Hallo,
    der Artikel ist gut! Eine Frage. Wie wird in emergenten Systemen Qualität erreicht. Beispiel: Nachfolger von Jesus ist nicht gleich Nachfolger von Jesus. Dieses “Problem” kennt jede “Gemeinde”. Wenn eine Gemeinde nun emergent ist, also auch ein selbstlernendes System ist,WO und WIE werden in einem solchen Systemen die nötigen Qualitäts Impulse gesetzt, damit die Nachfolger an Qualität zunehmen?

  2. Hallo Marcus,

    dazu würde mich zunächst interessieren, wie du Qualität im Bezug auf Nachfolge und Nachfolger definierst. Wie sehen deiner Meinung nach Qualitätsinputs aus und wie wirken diese?

    Grüße

  3. Marcus Splitt

    Hallo Daniel,
    Qualität bedeutet für mich in diesem Fall die Entwicklung die ein Nachfolger machen sollte. Nachfolge ist ja was dynamisches. D.h. es geht mir nicht um ein LEVEL, dass man irgendwann erreicht. Aber wie ermöglicht man die ENTWICKLUNG auch im Sinne einer Nachvollziebarkeit. Das man also sieht, dass so und so Fortschritte macht und sich gut entwickelt. Jüngerschaft ist ja ein bewusst initiierter Prozess. Wie findet dieser in einem emergenten System statt? Wir sind gerade an diesem Punkt. Wir erreichen viele Kids, Jungendliche etc. und sind als Gemeinschaft herausgefordert, diesen Prozess so zu gestalten, dass mehr Leute davon Profitieren können und eben eine Qualitative Entwicklung machen. Kleingruppen taugen hier nicht. Egal wie man die nennt (Zellgruppe, etc.). Unser bisheriges Ergebnis: Das Dynamische Wachstum einer Gruppe wird begrenzt durch die Anzahl und Kapazität von “JÜngermachern”. Wachstum, dass darüber hinasu geht ist künstlich. Jüngermacher sind unserer Auffassung nach Menschen, die in der Lage sind anderen Menschen Impulse (ganzheitlich) für ihre Nachfolge zu geben und bei Entwicklungsproblemen nach zu helfen bzw. wiederrum Impulse zu setzen um das Problem zu überwinden. Weisch wi i mein?

    Bin übrigens gern auf deinem Blog. Sag grüße an Mark. Noch was: Wir haben uns mal kurz in WfG kennen gelernt. Erinnerst Du Dich? Bin öfter in K’Ruhe, würde gerne mal mit Dir Quatschen und auch Mark mal wieder zu sehen. Wenn Du magst kannste mir ja mal Deine Email Adresse senden.
    Grüße, Marcus

  4. Hallo Marcus,

    danke für deinen Kommentar. Deine Erfahrung mit den “Jüngermachern” teile ich im Prinzip. Für mich liegt die Betonung dabei auf der Beziehung - meiner Ansicht nach leben wir nicht in erster Linie alleine mit Gott, sondern in Gemeinschaft. Heißt wir teilen unser Leben, unseren Alltag, unsere Gedanken, Fragen, Zweifel und Erkenntnisse. In den Beziehungen findet dann auch das Erleben der Entwicklung statt - Ermutigung und wenn nötig Korrektur. Dies wiederum ist ein Prozess, der meiner Meinung nach weder gesteuert noch kontrolliert werden kann, da er in gewisser Weise intim ist. Das Problem mit der begrenzten “Jüngermacher”-Zahl könnte dadurch ebenfalls überwunden werden, da alle gemeinsam füreinander da sind - für mich auch in dem Sinne zu verstehen, dass nicht unbedingt ein reiferer Christ einen jüngeren Christ in dem Prozess unterstützt, sondern dass sie wirklich auf Freundschaftsebene in einen Austausch treten und sich gegenseitig helfen…

    Darüber hinaus möchten wir auch gemeinsam als Gemeinschaft gewisse Themen angehen. Dazu können meiner Meinung nach verschiedene Möglichkeiten helfen. Hier stellt sich für mich die Frage, wie ich Treffen der Gemeinschaft so gestalte, dass auch hier der organische Charakter erhalten bleibt und es nicht zu einer Unterhalter-und-Konsumenten-Situation kommt. Hierzu helfen dialogische Ansätze meiner Ansicht nach. Es geht dabei meiner Meinung nach auch nicht darum zu sagen, wie der Hase läuft, sondern gemeinsam auf dem Weg zu sein und zu lernen (auch hier ein gegenseitiges geben und nehmen).

    Du kannst mich über das Kontaktformular erreichen, wenn du in Karlsruhe bist, dann können wir sehen, was sich machen lässt…

  5. Marcus Splitt

    Hallo Daniel,
    ich sehe das aus so. Nur stelle ich realistisch fest, dass nicht jeder für diesen Flow, wie Du ihn beschrieben hast, “gemacht” ist. Denn durch den Prozess wie Du ihn beschreibst, braucht es eine gewisse Reflektionskapazität und Beziehungsfähigkeit und die ist nicht immer vorhanden (Hier spreche ich von “Gemeinden” die sich auf den Weg zu etwas “neuem” (emergenten) machen wollen und von Menschen die Jesus noch nicht kennen). Wir werden wohl damit Leben müssen. Bin gespannt wie die Reise weitergeht. Alternativen sehe ich auch keine. Also machen wir weiter an der “Quadratur des Kreises”!

  1. [depone] - 10. Mrz. 2006

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