Sprachspiel und Kirche
Über gewohnte und ungewohnte Formen der Kommunikation.
Francois Lyotard legt seiner berühmten Studie Das postmoderne Wissen eine modifizierte Theorie der Sprachspiele nach Wittgenstein zu Grunde. Der Terminus “Sprachspiel” ist dabei weniger im Sinne von ’spielerisch’, ‘verspielt’ oder ’spaßig’ zu verstehen. Mit Sprachpiel ist hier eine Form der Kommunikation gemeint, die gewissen Regeln folgt, nach gewissen Normen funktioniert - so wie beispielsweise ein Schachspiel: Es läuft nach bestimmten Regeln ab und lebt von festgelegten Rahmenbedingungen.
Nun teilt Lyotard kommunikative Akte in der Folge der pragmatischen Sprachphilosophie (Peirce, Austin, Searle) in verschiedene Formen ein. Deutlich wird diese Aufteilung am Beispiel denotativer und performativer Sprachspiele. Eine denotative Aussage wäre: “Dieses Auto ist weiß.” Auf diese Aussage lässt sich mit wahr (Ja, es ist weiß) oder unwahr (Nein, das Auto ist seit einem Jahr nicht mehr gewaschen worden und inzwischen alles andere als weiß) antworten. Eine performative Aussage hingegen wäre: “Ich taufe dich auf den Namen Heinz.” Darauf lässt sich schlecht mit ‘wahr’ oder ‘unwahr’ antworten. Es geht hier eben nicht um eine Aussage, die über den Referenten (Heinz) gemacht wird, sondern um eine Aussage, die etwas mit dem Referenten macht (nämlich den Referenten mit dem Namen Heinz versehen). Diese beiden Formen der Kommunikation sind zwei verschiedene Arten von Sprachspielen, die nach bestimmten Regeln funktionieren. Oder wie es der Literaturwissenschaftler Terry Eagleton beschreibt:[1] Wenn jemand minutenlang vor dem Warnschild “Hunde müssen auf der Rolltreppe getragen werden” steht und schließlich seufzend sagt: “Wie wahr!”, dann hat er etwas falsch verstanden. Nämlich die Regeln dieses spezifischen Sprachspiels.
Neben diesen beiden Grundformen, denotative und performative Aussage, zählt Lyotard eine ganze Reihe weiterer Sprachspiele auf: Frage, Aufforderung und Befehl, Gebet, Versprechen, Erzählung, Behauptung und so weiter.
Schließlich verbindet Lyotard den Begriff der Sprachspiele mit der Kontrolle der Kommunikation durch Institutionen. Dieser Aspekt der Kontrolle unterscheide nämlich eine offene Diskussion von der Kommunikation im Rahmen einer Institution: “Es gibt Dinge, die man nicht sagen darf.”[2] Praktisch stellen sich folgende Fragen: “Hat das experimentelle Spiel mit der Sprache (Poesie) seinen Platz an einer Universität? Kann man im Ministerrat Geschichten erzählen? In einer Kaserne Ansprüche stellen?”[3]
Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: Das geht nicht. Das Sprachspiel der poetischen Rede hat an der wissenschaftlichen Institution Universität keinen Platz. Das gilt sogar für die zuständigen Fächer wie die Literaturwissenschaft: Ein Seminararbeit in kreuzgereimten Versen kommt hier auch nicht besser an als in der Physik. Und in der Kaserne hat man zu gehorchen: Das Sprachspiel sieht hier eine weitestgehend einseitige Kommunikation vor, mit den Regeln Befehl und Gehorsam. Lyotards Antwort auf die Frage nach der Möglichkeit ‘unregelmäßiger’ Kommunikation weicht jedoch vom scheinbar Selbstverständlichen ab. Ob Poesie in der Universität, Geschichtenerzählen im Kabinett, soldatische Forderungen in der Kaserne möglich sind? “Ja, wenn die Universität Werkstätten für die Kreativität eröffnet; ja, wenn der [Minister-]Rat mit prospektiven Entwürfen arbeitet; ja, wenn die Vorgesetzten Verhandlungen mit den Soldaten akzeptieren. Anders gesagt: Ja, wenn die Grenzen der alten Institutionen verschoben werden.”[4]
Die Frage dieses Aufsatzes lautet im Anschluss an Lyotard: Welche ‘Sprachspiele’ kennt die Institution Gemeinde/Kirche, genauer: die Institution ‘Gottesdienst’? Welche Sprachspiele werden, vielleicht unbewusst, bevorzugt, welche sind vernachlässigt oder gar unerwünscht?
Ein Beispiel: Es war die Abschiedspredigt eines unserer Pastoren, er stellte mit leidenschaftlichen Worten seine Vision für Gemeindewachstum in Nordbayern vor; er erklärte gerade eine Folie mit den bisherigen und den potentiellen Gemeinden, als plötzlich einer der Gottesdienstbesucher aufsprang und lauthals rief: “Ja aber, wie soll denn das gehen?”
Zwei mal habe ich es bisher erlebt, dass in einem Gottesdienst mitten in der Predigt eine Frage aus dem “Publikum” gestellt wurde. Einmal vom Prediger abgesprochen (so wie hier), einmal nicht. Ich erinnere mich an mein eigenes Unbehagen in beiden Fällen: Die Fragen sprengten auf überraschende Art die unbewussten Regeln des Sprachspiels Predigt. Mit mir hofften sicher die meisten, dass der Fragensteller sich möglichst schnell besänftigen lassen und das Spiel seinen gewohnten, besser: geregelten Gang gehen möge.
Nun halte ich gute Predigten für einen zentralen Bestandteil von Gottesdiensten und wünsche mir auch in Zukunft keine ständigen Unterbrechungen durch interessierte oder aufgebrachte Zuhörer. Aber gibt es deshalb gar keinen Platz für das Sprachspiel der Frage?
Wenn Gemeinde in der Postmoderne nicht nur einfache und ‘richtige’ Antworten geben will, sondern auch die richtigen Fragen stellen möchte: Wie können wir dann in unseren wichtigsten Veranstaltungen (Gottesdienste, Hauskreise) die Kultur des Fragenstellens einüben? Können oder wollen wir es uns weiterhin leisten, dass das Sprachspiel der Frage in unseren Gemeinden eine marginalisierte Rolle spielt? In diesem Sinne wäre es lohnenswert, Gottesdienste und andere Formen von kirchlichen Treffen (Hauskreis etc.) einmal auf ihre regelmäßigen Sprachspiele hin zu untersuchen.
Typische Sprachspiele für Gottesdienste wären: Begrüßungen, Ankündigungen, Predigten, Lehre, Segen. Durch welche Art von Kommunikation sind diese Sprachspiele geprägt? Warum diese und andere nicht? Welche anderen Formen wären möglich? Wie gesagt: Die These besagt nicht, dass alle schon verwendeten Formen von Kommunikation im Gemeinde- und Gottesdienstkontext schlecht wären oder ausgetauscht werden müssten. Aber vielleicht ermöglicht sie ein bewussteres Hinsehen und Neudenken.
Ein letztes Beispiel:
Vielleicht wäre es denkbar, in unseren Gottesdiensten neuen Raum zu finden für das Sprachspiel des Geschichtenerzählens. Der englische Theologe N. T. Wright verweist unermüdlich auf diese Form des Sprachspiels (bei ihm nicht unter diesem Terminus), die seines Erachtens jeglicher biblischen Theologie zu Grunde liegt. Die Bibel erzählt die Geschichte Gottes mit seinem Volk - werden in unseren Gottesdiensten Geschichten erzählt? Gibt es neben guten systematischen Predigten auch solche, die uns in Gottes Geschichte von Schöpfung, Fall, Erlösung und Neuschöpfung hineinnehmen? Darüber hinaus: Gibt es die Möglichkeit, in der eigenen Kirche/Gemeinde von Geschichten Gottes mit seinem Volk heute zu hören? In klassischer Terminologie heißt das Zeugnis – und mancher wird hier seufzend abwinken. Man fühlt sich bald erinnert an scheinbar endlose Berichte über bestimmte Gebetserhörungen. Aber vielleicht kann das Sprachspiel des Erzählens, wenn es Raum gewinnt, auch eine gewisse Kultur entwickeln - etwas, dass man “in der Welt” auch als Erzählkunst bezeichnet?
Es soll hier nicht der Anspruch erhoben werden, die Theorie der Sprachspiele wissenschaftlich genau erfasst zu haben. Aber vielleicht ermöglicht das Zusammendenken von Sprachspiel und Kirche, die Frage anzuregen: Welche Arten der Kommunikation finden in unseren Gemeinden statt, welche nicht? Was sagt das über unsere Grundüberzeugungen in Bezug auf Gottesdienste und andere Versammlungen, insbesondere unter dem Leitaspekt möglicher Partizipation aller Beteiligten? Welche neuen Formen könnten gefunden, welche Sprachspiele vielleicht erst erfunden werden?
Anmerkungen:
[1] Eagleton, Terry: Einführung in die Literaturtheorie. 2. Auflage. Stuttgart: Metzler 1992, S.8.
[2] Lyotard, Francois: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Hrsg. von Peter Engelmann. Wien: Passagen-Verlag 1994, S.60.
[3] Lyotard: Das postmoderne Wissen. [Anm. 2], S.61.
[4] Lyotard: Das postmoderne Wissen. [Anm. 2], S.61.
Der Autor:
Alex Kupsch ist 26 Jahre, verheiratet mit Tine und pendelt momentan zwischen Würzburg und Tübingen. Er ist Germanist und studiert evangelische Theologie. Seine Homebase ist die CityChurch Würzburg, gebloggt wird auf Read.Think.Pray.Live.

7 Kommentare.
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Onkel Toby
Schönes Beispiel angewandter Dekonstruktion im kirchlichen Kontext. Ohne den theoretischen Überbau habe ich mich ähnliches auch schon oft gefragt; wobei mich besonders die Form des Frontalunterrichts durch die Predigt stört.
Das ist natürlich eine Demontstration von Macht, und in gewisser Weise auch von Angst. Da die traditionelle Kirche aber m.E. genau auf diesen beiden Beinen steht, dürfte es äusserst schwierig sein, diese Art der Kommunikation in Frage zu stellen (Kann man nicht sogar sagen, das alle kirchliche Kommunikation von Macht geprägt ist?). Vielleicht muss man sich wirklich von der “Kirche” verabschieden, um diesem Symptom beizukommen.
11. Apr 2007
Simon
Toller Beitrag, Alex - vielen Dank. Da würde ich gerne weiterdenken, was alles möglich ist und wünsche mir Zukunft gerade im Hinblick auf Predigt mehr als einen Monolog. Aber vielleicht können auch ganze neue Gottesdienstelemente durch das Einbringen neuer Sprachspiele entstehen …
11. Apr 2007
Christian
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4. Mai 2007
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