Im Exil: DoSi über die Exilanten bei Frost
In seinem Buch Exiles: Living Missionally in a Post-Christian Culture wendet sich Michael Frost, CoAutor von The Shaping of Things to Come, an Exilanten, Christen, die “mit der nagenden Spannung leben, weder in der Welt, noch in der Kirche, wie sie sie gekannt haben, zuhause zu sein.” Frost sieht in der nachkonstantinischen Zeit eine kirchengeschichtliche Fehlentwicklung, infolge derer
„… sich das Christentum von einer dynamischen, revolutionären sozialen und geistlichen Bewegung in eine statische religiöse Institution verwandelte, begleitet von Strukturen, Priesterschaft und Sakramenten.“
Das Ende der gesellschaftlichen Vorherrschaft der Kirche im Westen sieht als Krise für die Gemeinde vielmehr als Chance, wieder zu einer “radikalen, subversiven, mitfühlenden Gemeinschaft von Nachfolgern Jesu” zu werden. Er bringt den amerikanischen Alttestamentler Walter Brueggemann ins Spiel, der viele Parallelen zwischen der Erfahrung heutiger Christen und der Erfahrung der jüdischen Exilanten in Babylon erkennt. Wie die jüdischen Exilanten klage die Kirche heute über das, was sie verloren hat, und fühle sich gedemütigt. Um der Selbstbezogenheit zu entkommen und bewußt als Alternative zu den herrschenden Mächten zu leben, sind laut Brueggemann vorsätzliche Übungen notwendig, die Frost so zusammenfasst:
„Exilanten werden zu ihren gefährlichen Erinnerungen zurückgeführt, indem sie an die Verheißungen Jesu und seine Agenda für das menschliche Zusammenleben zurückdenken. Exilanten sind bereit, eine Reihe gefährlicher Verheißungen auszuleben, die auf das Reich Gottes hindeuten und in Konflikt zu den Werten des herrschenden Imperiums stehen. Exilanten werden die Torheit dieses Imperiums verspotten, indem sie eine gefährliche Kritik dieser Gesellschaft laut werden lassen, einer Gesellschaft, die von Gier, Lust, Selbstsucht und Ungleichheit zerfressen ist. Und schlußendlich werden Exilanten gefährliche Lieder singen, die von einer unerwarteten Neuheit des Lebens sprechen. … Wie die alten Propheten werden die Exilanten denen das Leben schwer machen, die diesem post-christlichen Imperium dienen.“
Frost gliedert sein Buch in diese (oben fett unterlegten) Kategorien Brueggemanns. Gefährliche Erinnerungen dienen den Exilanten als Leitfaden, um sich in ihrer Situation zurechtzufinden. Für Frost sind das die Evangelien. Er untersucht das Leben und die Praktiken Jesu und erkennt: Diese Geschichten sind gefährlich für das Imperium, weil Jesus auf eine Art und Weise gelebt hat, die Konsumdenken, Gier, Selbstzentriertheit und Gewalt keinen Raum läßt. Unsere Auseinandersetzung mit dem Leben Jesu lädt uns zu einem alternativen Wertesystem jenseits der postchristlichen Gesellschaft ein. Als gefährlichsten Aspekt macht Frost dabei die Inkarnation Jesu aus, die uns weder den Rückzug in ein heiliges christliches Ghetto gestattet, noch es uns erlaubt, die Werte der säkularen Kultur anzunehmen:
„Wie Christus sind wir berufen, göttlich zu sein, aber es wird von uns erwartet, das in der Gegenwart ganz anderer Menschen auszuleben. Es gibt keinen gefährlicheren Weg, als den, den Jesus gegangen ist.“
Eine gefährliche Verheißung gewinnt dort Gestalt, wo einige wenige anfangen, von einem Machtwechsel zu träumen - von Gier und Selbstgerechtigkeit zu Liebe und Gerechtigkeit:
„Die christliche Bewegung muß die lebendige Verheißung an die Gesellschaft sein, daß es möglich ist, die Werte Christi tatsächlich auszuleben. Darin wird sie die radikale, unbequeme Alternative zum Ungleichgewicht der Mächte im Imperium.“
Das Ausleben dieser Verheißung in der liebenden, dienenden, vergebenden und barmherzigen Gemeinschaft - deren Werte, Kernelemente und mögliche Strukturen bzw. Gemeindeformen Frost intensiv behandelt - wird zur gefährlichen Kritik am Imperium führen, indem dessen falsche Götter und Ideologien entlarvt werden, so wie dies im babylonischen Exil z.B. durch Daniel geschehen ist. Frost beschäftigt sich u.a. damit, was es heißen kann, Christus im Arbeitsumfeld nachzufolgen, und globale Aspekte des Reiches Gottes (wie z.B. Verantwortung für die Schöpfung und den globalen Nächsten) in den Blick zu bekommen.
Im letzten Teil, der vom gefährlichen Liedgut handelt, wird über Gottesdienstpraktiken und -formen sowie über das eigentliche Ziel Gottes mit den Menschen nachgedacht. Beispielhaft sei hier die Feststellung Frost‘s genannt, dass die zeitgenössischen Anbetungslieder zu brav und sentimental sind, um als Triebfeder einer Revolution dienen zu können. Im Gegensatz dazu zitiert er Gott, der durch Jesaja spricht:
„Ich schwieg wohl eine lange Zeit, war still und hielt an mich. Nun aber will ich schreien wie eine Gebärende, ich will laut rufen und schreien. (Jes 42,16)“
Frost bemerkt dazu:
„Warum kann unser gemeinsames Singen nicht eine Welt heraufbeschwören, in der die Armen zu essen bekommen und die an den Rand Gedrängten am Tisch des Herrn willkommen sind? Warum können wir nicht über die Welt singen, von der Jesus auf diesem Berg geträumt hat? … Ich will ein neues Lied hören, ein revolutionäres Lied, das in mir größeren Glauben an die neue Welt hervorruft, die Gott in uns entstehen läßt. Genauso will ich ein gesprochenes Wort in der Gemeindeversammlung (eine Predigt im Gottesdienst) hören, das Gefahr, Energie, Möglichkeit und Offenheit für Neues ausdrückt.“
Dieses inspirierende und bewegende Buch endet mit einer Ermutigung:
„Unsere Sünden wurden vergeben. Die Kluft, die uns von unserer Heimat bei Gott, trennt, wurde geschlossen. Das ist die gute Nachricht, von der Jesus so frei sprach und die er so mächtig in Wort, Tat und Symbol demonstrierte. Unser Exil von Gott ist vorbei. Wir haben den Jordan überquert und sind dahin zurückgekehrt, wo wir hingehören.
In all unserem Reden von Exilanten in einem Imperium nach Christendom dürfen wir die Tatsache nicht aus den Augen verlieren, daß wir unseren Weg nach Hause tatsächlich gefunden haben, dorthin geleitet von unserem vertrauenswürdigen Führer und Retter, Jesus. Auch wenn unsere Kultur so weit von den Dingen Gottes abgekommen ist wie Babylon oder Rom, liegt unsere Staatsangehörigkeit jenseits des Jordans. Wir tragen unsere Heimat in unseren Herzen. Denn unsere Heimat ist dieser Ort der Versöhnung mit Gott, die durch Jesu Werk am Kreuz und in seiner Auferstehung möglich gemacht wurde.
Darum bleib dran, Exilant. Halte an diesen gefährlichen Erinnerungen Gottes fest. Mach auch weiterhin diese gefährlichen Versprechungen. Übe weiterhin diese gefährliche Kritik am Host-Imperium. Singe weiterhin diese gefährlichen Lieder. Unser Tag wird kommen. In der Zwischenzeit, bleib in der Balance. Und halte in Deinem Innern die Hoffnung fest, daß Heimat in der Gegenwart unseres gnädigen, liebenden, vergebenden Gottes liegt. Ich will Dich mit einem zeitgenössischen Segen zurücklassen, einem, der für den Exilanten Sinn macht, für den Gast und für den Pilger, der entschieden wieder die Heimat ansteuert:
Mögest Du aufwachsen und gerecht werden
Mögest Du aufwachsen und wahrhaftig werden
Mögest Du immer die Wahrheit kennen
Und das Licht sehen, das Dich umgibt
Mögest Du immer mutig sein
Aufrecht stehen und stark sein
Mögest Du für immer jung bleiben”[Bob Dylan, “Forever Young”, Planet Waves]
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Ein Zusammenfassung des Buches findest du hier.
Der Autor
Michael Frost ist Professor für Evangelisation und Mission am Morling College in Sydney, Australien. Er ist der missionale Architekt einer der innovativsten Gemeinden Australiens, smallboatbigsea, und hat einige Bücher verfasst, darunter The Shaping of Things to Come (mit Alan Hirsch) und Seeing God in the Ordinary.
Der Destillateur
DoSi ist 27 Jahre alt, studiert und lehrt Theologie an der Akademie für Leiterschaft und bloggt als Der Sämann, wo er diese Zusammenfassung abschnittsweise gepostet hat.

2 Kommentare.
Der Eintrag wurde am Montag, 11. Jun 2007 mit den Tags Bücher, Emerging Church, Emerging Culture, Spiritualität, Theologie veröffentlicht. Du kannst einen Kommentar hinterlassen, von Deiner Seite einen Trackback setzen und die Unterhaltung mit folgendem RSS 2.0 Feed verfolgen.
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