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Der Dialog als Kommunikationsmöglichkeit

Nicht mehr sondern anders kommunizieren

Das Leben im Kommunikationszeitalter beschert uns eine unüberschaubare Vielfalt von Möglichkeiten uns mitzuteilen. Im Internet rufen uns immer mehr Seiten zu, wie wichtig ihnen unsere Meinung ist. Wir können Artikel für Online-Magazine verfassen, unsere Blogeinträge aufgrund ihres Informationsgehalts in Lesercharts nach oben puschen und sind per Skype, icq oder iChat online mit Menschen am anderen Ende der Welt zum Kaffeeklatsch verabredet.


Die Welt scheint - zumindest virtuell - zusammenzurücken.
In der Realität ergibt sich allerdings oft ein ganz anderes Bild.

„Angehörige verschiedener Nationen, die in unterschiedlichen ökonomischen und politischen Systemen leben, sind kaum fähig, miteinander zu reden, ohne dass es zu Auseinandersetzungen kommt“(1), stellt der Physiker David Bohm in einem Artikel über Kommunikation fest. Auch innerhalb unserer eigenen Nation können wir feststellen, dass das Gespräch zwischen den Generationen und den einzelnen Gesellschaftsschichten mehr und mehr verstummt. Selbst sehr homogene Gruppen zerbrechen an der Unfähigkeit durch Meinungsverschiedenheiten hervorgerufene Konflikte konstruktiv zu lösen. Die Gesellschaft zerfällt in immer kleinere Segmente und der Austausch zwischen ihnen scheint mitten im Kommunikationszeitalter zusammenzubrechen.

Beherzt versuchen ambitionierte Menschen, das allgegenwärtige „Kommunikationsprobelm“ zu lösen. Die Lösungsversuche sind zumeist damit verbunden, dass man mehr miteinander spricht. Wahrscheinlich machen viele von uns im Alltag ihre Erfahrungen mit immer häufigeren „Meetings“, in denen zwar viel geredet wird, die letztlich aber nur zur allgemeinen Verwirrung beitragen und zu vermehrten Missverständnissen führen.

Kann es nicht sein, dass die Kommunikationsprobleme nicht unbedingt dadurch gelöst werden, dass man immer mehr miteinander spricht, sondern dass man anders miteinander spricht? Kann es sein, dass eine immer mehr zusammenwachsende Welt eine neue Form der Kommunikation braucht?

Von der Diskussion zum Dialog

Unsere westliche Kommunikationskultur ist von der Diskussion geprägt. Das Wort Diskussion kommt vom lateinischen Wort für schlagen. Im wörtlichen Sinne ist diese Gesprächsform also ein „Schlagabtausch. Eine Diskussion zielt darauf ab, einen Sieger im Meinungsstreit zu ermitteln, denjenigen der „recht“ hat. In der Regel gewinnt der Lauteste oder der, der am logischsten plädieren konnte. Kein Wunder, dass viele gute Ideen in einer solchen Kultur verloren gehen, weil ihre Vertreter nach der Devise „der Klügere gibt nach“ gehandelt haben.

Einen völlig anderen Ansatz des gemeinsamen Gesprächs vermittelt der Dialog. In einem Dialog versuchen die Gesprächspartner nicht, sich gegenseitig durch Argumente von der Richtigkeit ihrer Meinung zu überzeugen, sondern trennende Meinungsgräben zu überwinden und gemeinsam etwas Neues zu schaffen.

Der Vater der Dialogmethode Martin Buber (1878 – 1965) nennt als Voraussetzung für den Dialog die „Hinwendung zum Partner in aller Wahrheit“(2). Diese Haltung ermöglicht es den Gesprächsteilnehmern, sich gegenseitig in radikalem Respekt wahr- und anzunehmen. Aus dieser Hinwendung entsteht die Bereitschaft dem anderen uneingeschränkt und vorurteilsfrei zuzuhören. Dabei wird das Gegenüber zu einer neuen Welt, die sich vor mir öffnet. Seine Andersartigkeit ist gewünscht und legitim. Ich stelle mich seinen Ansichten, ohne sie gleich bewerten zu müssen. Somit begegnen wir uns nicht in erster Linie als Wissende, sondern Lernende.

Herausfordernd wird eine lernende Haltung vor allem dann, wenn mein Gegenüber Ansichten äußert, die meinen eigenen Überzeugungen widersprechen oder sie gar in Frage stellen. In solchen Situationen bin ich versucht, die Rolle des Lernenden zu verlassen, um meine eigene Position zu sichern. Diese Reaktion entsteht, weil Menschen dazu neigen, sich mit ihren Meinungen identifizieren. Sie erleben sie als absolute Wahrheiten erleben und verteidigen sie mit starken Gefühlsreaktionen. Der Dialog versucht dieses Schema zu durchbrechen, indem er seine Teilnehmer herausfordert, die eigenen Ansichten zu suspendieren, ihnen sozusagen eine Ruhepause zu verordnen. Diese innere Distanz ermöglicht es den Dialogpartnern, die individuellen Annahmen als Wirklichkeitskonstruktionen zu erkennen und nicht als Wahrheit oder Tatsache. So können sie im Dialog mit den Annahmen der anderen Teilnehmer in Interaktion treten.

Wenn ich mich innerhalb eines Dialogs mitteile, dann bin ich aufgefordert von Herzen das zu sagen, was mir wirklich wichtig ist. Buber nennt das die „Rückhaltlosigkeit in der Mitteilung“(3). Dabei geht es darum, das für mich Wesentliche zu dem zu besprechenden Gegenstand beizutragen, ohne in einen Monolog zu verfallen, der nur darauf aus ist den Anderen mit meinen Argumenten und meinen gekonnten Formulierungen zu beeindrucken. Ich plädiere produktiv für meine eigene Haltung und bin bereit nicht nur die Ergebnisse meiner Denkprozesse zu präsentieren, sondern den anderen Gesprächsteilnehmern auch meinen inneren Weg zugänglich zu machen.

Wenn alle Teilnehmer an einem Dialogprozess gemeinsam lernen, auf diese Weise zuzuhören und sich mitzuteilen, dann schaffen sie einen Raum für zwischenmenschliche Begegnung, der jenseits einengender Meinungsfronten liegt, und es entsteht der freie Sinnfluss zwischen Menschen, der ein neues Denken ermöglicht.

Mögliche Bedeutung des Dialogs für Theologie und Studium

Die Theologie befindet sich mit ihren Erkenntnissen in einem ständigen Austausch mit ihrem Ursprung (Gott, der Schrift) und dem Kontext, in den sie wirken soll (der Umwelt). Beides gestaltet ihren Inhalt. So ist die Theologie an sich eine Wissenschaft, die sich im Dialog befindet. Es ist vor allem der Theologe, der in der Lage sein muss, diesen Dialog zu führen und es ist Aufgabe des Studiums, ihn dazu zu befähigen.

Wenn sich das Studium der Theologie allerdings darauf beschränkt, dass Dozenten bzw. Bücher in einem Einwegverfahren den Studierenden prägen und dieser nicht lernt in einen Dialog mit anderen Meinungen zu treten, hat das gravierende Folgen. Die Theologie würde zu einer Status-Quo orientierten Wissenschaft, die Menschen hervorbringt, die nicht bereit sind, das Wagnis einzugehen, in der Interaktion mit Andersdenkenden zu völlig neuen Erkenntnissen zu kommen. In einer Welt, in der „das einzig Beständige der beständige Wandel ist“(4), macht eine solche Haltung lebensuntauglich. Erst wenn der Schüler lernt, Lernender zu bleiben und der Lehrer sich vom Wissenden wieder zum Lernenden wandelt, werden sie die nötige Flexibilität erlangen, um mit anderen in einen wirklich wirkungsvollen Austausch zu treten.

Der Dialog bietet somit die Möglichkeit, die Ghettomauern der eigenen Theologie zu durchbrechen und gemeinsam mit Menschen anderer Prägung Neues zu denken. Auch würde sich im Dialogprozess so manche trennende Ansicht vom Sockel der absoluten Wahrheit stoßen lassen müssen und den Weg zur Einheit frei machen. So könnten Menschen im theologischen Dialog erleben was Buber als das Ziel des echten Gesprächs ansieht: Den Wandel von Kommunikation in Kommunion.

Endnoten
(1) Bohm, David, Der Dialog: Das offene Gespräch am Ende der Diskussion, Klett-Cotta, 2005, S. 25.
(2) Martin Buber, Das dialogische Prinzip, Gütersloher Verl.-Haus, 2002, S. 293.
(3) Buber, a.a.O., 294.
(4) Ernst Lange, Sprachschule für die Freiheit: Bildung als Problem und Funktion der Kirche, Herausgegeben von Rüdiger Scholz, (München: Kaiser Verlag, 1980), 108.

Die Autorin
Daggi Begemann ist Jahrgang 1974 und stammt ursprünglich aus Hof/Saale. Sie hat in Nürnberg Sozialpädagogik studiert und war dort Mitbegründerin der Jesus Freaks. Seit 2005 lebt sie mit ihrem Mann Henrik in Lemgo und beendet gerade ihr Theologiestudium an der Akademie für Leiterschaft in Ditzingen.

Buchtipp
Einen ausführlicheren Artikel der Autorin zum Thema Kommunikation und noch andere inspirierende Gedanken findet ihr im Buch:
Vom Leben eben: 21 leidenschaftliche Wortmeldungen, Explosionszeichnungen und gewagte Aussichten für ein heiliges Überleben
von Joachim Bothe (Hg.)
Wuppertal: R. Brockhaus Verlag, 2007
ISBN 978-3-417-21071-2

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4 Kommentare.
Der Eintrag wurde am Donnerstag, 9. Aug 2007 mit den Tags Dialog, Emerging Church, Emerging Culture, Philosophie, Theologie veröffentlicht. Du kannst einen Kommentar hinterlassen, von Deiner Seite einen Trackback setzen und die Unterhaltung mit folgendem RSS 2.0 Feed verfolgen.

  1. Da Trackback von blogspot nicht zu funktionieren scheint …

  2. Sehr tolle Gedanken!
    Eine Dialogfähigkeit halte ich auch deswegen für wichtig, weil sie Ausdruck meines Respekts vor dem anderen ist und ich ebenfalls ausdrücken kann, dass ich eben nicht alles weiß, sondern Lernender bin.
    Lediglich im Bereich der tatsächlich absoluten Wahrheiten erscheint mir ein Dialog nicht möglich. Hier sind dann wohl mehr die klassischen apologetischen Formen gefragt: Erklärung, Diskussion, Verteidigung … mit dem Ziel, den eigenen Standpunkt für einen anderen nachvollziehbar zu machen.

  1. Trackback von depone - 9. Aug. 2007

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